Ilmenau 2008

“Zwischen Babel und ‘Earth City'”: Erste Netzwerkkonferenz 2008 in Ilmenau

Unter dem Titel Zwischen Babel und “Earth City” ud das Netzwerk Interkulturelle und Internationale Kommunikation (NIIK) Ende Oktober 2008 zu seiner ersten Konferenz an die TU Ilmenau. Die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der dreitägigen Veranstaltung debattierten in fünf Panel-Sessions und einer Podiumsdiskussion über Formen, Barrieren und Chancen der interkulturellen und internationalen Kommunikation.

Die Veranstaltung begann am Donnerstagabend mit einem Get-together, das die Möglichkeit für einen ersten Meinungsaustausch und Erörterungen der Konferenzthematik in der entspannten Atmosphäre des BC-Clubs auf dem Campus bot. Martin Löffelholz, Initiator des Netzwerkes und Leiter der Tagung, führte in seiner Eröffnungsrede in die Tagung ein.

Barrieren und Chancen interkultureller Kommunikation standen im Fokus des Panels, das von Netzwerkmitbegründer Hartmut Wessler moderiert wurde. Der erste Vortrag von Stefanie Averbeck-Lietz widmete sich mit einer Heuristik für interkulturelle Kommunikation der Thematik aus kommunikationstheoretischer Perspektive. Cigdem Bozdag stellte einen Ausschnitt aus dem DFG-Projekt  “Integrations- und Segregationspotenziale digitaler Medien” unter der Leitung von Andreas Hepp vor, nämlich das Konzept deterritorialer Kommunikations­räume und kommunikativer Vernetzung von Migrationsgemeinschaften in Deutschland. Huub Evers, Professor für Medienethik an der Hochschule für Journalistik in Tilburg, Niederlande, erläuterte die Bedeutung, Chancen und Gefahren des interkulturellen Journalismus.

Das zweite Panel, moderiert von Thomas Hanitzsch von der Universität Zürich, befasste sich mit Interkulturalität und Internationalität im Journalismus. Ein interdisziplinäres Theoriemodell journalistischen Transfers und translatorischer Äquivalenz, vorgestellt von Oliver Hahn und Julia Lönnendonker, gewährte zu Beginn des Panels Einblick in die Funktionen, Adaptionsleistungen und Hindernisse der Kommunikatoren internationaler Verständigung — den Auslandskorrespondenten. Liane Rothenberger stellte anschließend Bedingungen, Differenzen und Annäherungen einer bilingualen und von zwei Journalismuskulturen geprägten Programmproduktion am Beispiel des Magazins “Metropolis” des deutsch-französischen Kultursenders Arte in den Mittelpunkt. Der grenzüberschreitenden Konfliktkommunikation galten die Ausführungen Franziska Oehmers zur Darstellung der Akteure des Libanonkrieges 2006 in den deutschen Tagszeitungen.

Die erste Tagung des Netzwerkes bot neben der Diskussion und Erörterung des Gegenstandes Gelegenheit zur Koordination und Planung der Netzwerkarbeit, die einer verstärkten Institutionalisierung des Forschungsbereichs dienen soll. Die Mitglieder des Netzwerkes wollen in Zukunft ihren Untersuchungsgegenstand präziser bestimmen und systematisieren. Eine verstärkte Theorie- und Methodenentwicklung für den Themenkomplex internationale und interkulturelle Kommunikation wird übereinstimmend ebenfalls als zielführend betrachtet. Martin Löffelholz und Hartmut Wessler wurden jeweils einstimmig zum Sprecher und stellvertretenden Sprecher des Netzwerkes gewählt.

Das dritte Panel unter der Leitung von Barbara Baerns erweiterte die Perspektive um Interkulturalität und Internationalität in der Unternehmenskommunikation. Holger Sievert stellte ein Modell zur Analyse von Handlungsoptionen und Anwendungsbereichen für Unternehmen in einem internationalen Umfeld vor. Dem folgten Ausführungen von Andreas Schwarz zur Entwicklung forschungsgestützter Qualifikationsprofile und -anforderungen für eine verstärkte interkulturelle Kompetenz von PR-Verantwortlichen. Den Widerspruch zwischen EU-politischer Intention und den Strategien der Unternehmungskommunikation bei der Nutzung der Internetdomain ‘.EU’ diskutierten Natascha Zowislo-Grünewald und Franz Beitzinger.

Den drei Panel-Sessions folgte eine Podiumsdiskussion mit Huub Evers (Tilburg), Susanne Fengler (Dortmund), Kurt Luger (Salzburg) und Matthias Karmasin (Klagenfurt). Oliver Hahn moderierte die Debatte über Barrieren, Theorieentwicklung und Praxisbezüge des interkulturellen und internationalen Kommunikationsforschungsbereichs. Bemängelt wurde die “westeuropäische Brille”, die zu “blinden Flecken” bei der Erforschung des Gegenstandes führe. Zudem ziehe die uneinheitliche Begriffsverwendung von Inter-, Transkulturalität und -nationalität Schwierigkeiten bei der Theorie- und Methodenentwicklung sowie bei der Gegenstandsabgrenzung nach sich.

Erkenntnisse und Einsichten des zweiten Konferenztages konnten während eines Abendessens ausgetauscht und resümiert werden. Christoph Kuhlmann hielt die unterhaltsame Dinner Speech über Briefmarken als Indikatormedien für die Strukturen internationaler Kommunikation.

Der dritte Konferenztag begann mit dem Panel Transnationalisierung und Entgrenzung von Öffentlichkeit, das Jens Wolling leitete. Einen Prozess der Europäisierung bei gleichzeitiger Mehrfachsegmentierung der politischen Diskurskulturen konstatierte Michael Brüggemann im Einstiegsvortrag auf der Basis von Resultaten eines Kooperationsforschungsprojektes zur Transnationalisierung von Öffentlichkeiten in Europa der Universität Bremen und der Jacobs University. Hartmut Wessler und Maria Röder beschrieben einen Rahmen zur Analyse und zum Vergleich transnationaler Öffentlichkeiten im europäischen und arabischen Raum. Der Frage, ob eine europäische Öffentlichkeit durch Konflikte entstehen kann, galt das Erkenntnisinteresse der Studie, die Sven Engesser, Annika Rechmann und Markus Behmer vorstellten.

Das fünfte und letzte Panel der Konferenz, das von Liane Rothenberger moderiert wurde, widmete sich den Barrieren auf dem Weg zu “Earth City”. Matthias Ecker-Ehrhardt konstatierte einen Einfluss von internationalen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen auf die Etablierung grenzübergreifender Problemsichten. Mediale Störungen und Defekte in realitätsbezogenen Fernsehformaten stellte Thomas Weber in den Mittelpunkt seiner Darlegungen. Welches stereotypengeleitete Bild japanische Zeitungen von Deutschland prägen, vermittelte Cornelia Meissner von der City University London in ihrem Vortrag. Zum Abschluss des Panels entwickelte Marlis Prinzing auf der Basis ihrer Studie zur Berichterstattung über den Duisburger Mafia-Mord ein Modell zur Überwindung kultureller Barrieren.

Die Tagung machte, so resümierte Martin Löffelholz, nicht nur die Brisanz, sondern auch das bereits vorhandene ausgeprägte Interesse an der Thematik deutlich, das sich in einer breiten, aber auch stark fragmentierten Forschungsbasis widerspiegele. Insgesamt sei mit der Tagung und den Beschlüssen der Mitgliederversammlung ein wichtiger Schritt zu einer weiteren Etablierung der Analyse interkultureller und internationaler Kommunikation als Forschungsfeld geleistet. Im kommenden Jahr wird die zweite Tagung des Netzwerks (29.-31. Oktober 2009, Mannheim) mit einer Konzentration auf Fragen der Theorieentwicklung diesen Weg weiter verfolgen.

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